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Foto links: Die Seebrücke in Misdroy .
2.Reihe: (von links nach rechts): Der Jordansee. "Stinas Utkiek", der Leuchtturm in
Neuendorf. Am Strand von Heidebrink.
3.Reihe: Heidebrink. Die Brücke in Dievenow. Eine Kogge
die von Dievenow nach Cammin fährt.
4.Reihe: Cammin. Das Wolliner Tor. Das Camminer Rathaus.
Der Dom in Cammin.
Fotos unten: Der Große Stein vor der Insel Gristow. Die
Orgel im Camminer Dom. Das Fachwerkhaus Hoeft am Camminer Markt.
Nach einem ausgiebigen polnischen Frühstück mit der
obligaten, wohlschmeckenden Milchsuppe, das wir im Erholungsheim
Grodno am Jordansee (amit historischen Spuren, war doch Misdroy –
heute unumstrittener Primus unter den Ostseebädern auf der Insel
Wollin - im Jahre 1554 urkundlich als Eigentum der Dompropstei
Cammin erwähnt worden. Am Ufer des sagenumwobenen, drei Hektar
großen Jordansees, unserem Ausgangspunkt, schaukeln einladend
ein paar kleine Boote. Der See, eingerahmt von einem alten
Buchenwald, ist ein wahres Kleinod der Natur. Auf der kleinen
Insel im See hat sich der Sage nach einst das Heiligtum der
Göttin Hertha befunden. „Heidnische“ Priester mussten ihr einmal
im Jahr nach ihrem Bade im See ein durch das Los ausgewähltes
zwölfjähriges Mädchen zuführen, das dort geopfert wurde. Auf dem
nahen Gosanberg soll jedoch ein sehr böser und ungläubiger
Mensch gelebt haben. Ihm schickte der Teufel angeblich sieben
böse Geister, die das Heiligtum der Göttin zerstörten (heute
befindet sich auf der Insel ein Grillplatz). Die Göttin rächte
sich zwar an den Übeltätern, wandte sich jedoch dem Herthasee
auf Rügen zu und errichtete dort ihr Heiligtum. Später soll die
Seeräuberbraut Stina, die sich schließlich auf der Flucht vor
ihren Verfolgern in den Jordansee stürzte, wo sie noch heute auf
ihre Erlösung wartet, dort ihre Schätze verborgen haben. Und:
Durch den See wurde der berühmte pommersche Arzt Carl Ludwig
Schleich zu seinem phantastischen Roman „Es läuten die Glocken“
inspiriert.
Nach wenigen Kilometern Fahrt
erreichen wir Neuendorf (Wisełka), ein kleines gastfreundliches
Ostseebad, inmitten eines Waldes am Rande des Wolliner
Nationalparks gelegen. Zum Strand führt ein Waldweg von einem
Kilometer. Neuendorf ist der ideale Ort für jene, die einen
ruhigen Ostseestrand lieben, gerne Pilze sammeln oder angeln,
wozu der nahe, 20 ha große Neuendorfer See förmlich einlädt. Wir
biegen hinter dem Ort links ab, folgen dem rot markierten
Wanderweg in Richtung Norden und erreichen nach wenigen
Kilometern „Stinas Utkiek“ (Kikut) auf dem Kiekberg (Straznia).
Hier, wo seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts ein
Leuchtturm (Latarnia morska „Kikut“) steht, soll einst Stina
Ausschau nach den Seeräubern gehalten haben.
Bevor wir zur Stadt Dievenow (Dziwnów) und damit zur Dievenow -
Brücke und aufs Festland gelangen, passieren wir den gepflegten
Golfplatz bei Kolzow (Kolcewo), der zum Hotel Amberbaltic in
Misdroy gehört und das Ostseebad Heidebrink (Międzywodzie). Der
Ort, auf einer Landzunge zwischen der Ostsee und dem Camminer
Bodden gelegen, hat eine sehr hohe Düne und - wie alle Wolliner
Bäder - einen herrlichen Sandstrand. Heidebrink wird gerne auch
als auch als "polnische Côte d'Azur" bezeichnet. Nach weiteren 6
Kilometern tauchen die ersten Häuser von West-Dievenow auf. Nach
dem Überqueren der Dievenow - Brücke mit ihren blau gestrichenen
Trägern sind wir in Ost – Dievenow mit seinen Cafes, Läden,
Ausflugsschiffen und dem nahen Ostseestrand. Der Ort befindet
sich auf einer Halbinsel, die sich von Osten der Insel Wollin
entgegenstreckt und den Fritzower See (Jezorio Wrzosowo), eine
größere Ausbuchtung der Dievenow, von der Ostsee abgrenzt. Im
Hafen liegen „Koggen“, mit denen man im Sommer auf der Dievenow
nach Cammin schippern kann.
In Wald – Dievenow (Dziwnówek), die früheren Ortsteile Berg –
Dievenow und Klein – Dievenow sind eingemeindet worden,
verlassen wir die nach Kolberg führende Straße. Unser Weg
verläuft nun parallel zur Dievenow nach Süden, in Richtung
Wollin und Stettin. Die am Rande der Straße liegenden Gemüse-
und Erdbeerfelder zeugen von fruchtbarem Boden. Gegen Mittag,
eine knappen Stunde später – wir haben inzwischen mehr als 30
Kilometer in den Beinen – sehen wir die Türme von Cammin (Kamień
Pomorski, ca. 9000 Einwohner). Die Stadt, heute Sol- und
Moorbad, im 12.Jahrhundert Hauptstadt Pommerns, liegt am
Camminer Bodden, einer Ausbuchtung der Dievenow. Sie wurde im
Krieg zu 60% zerstört und ist danach zweckmäßig wieder aufgebaut
worden. Sehenswert sind in der mit sehr viel Grün aufwartenden
Stadt der Marktplatz mit dem Rathaus aus der Mitte des
14.Jahrhunderts, das in den 1960er Jahren wieder aufgebaut wurde
und dem Fachwerkhaus Hoefs aus dem 17.Jahrhundert, das Wolliner
Tor, das Bischofsschloss (16. Jahrhundert) sowie die St.
Niklauskirche, in der heute das Heimatmuseum untergebracht ist.
Das imposanteste Bauwerk der Stadt ist zweifellos der Dom St.
Mariae et Johannes baptista, (heute Kathedrale St. Johannes).
Cammin war im Jahre 1176 - nach Wollin und Grobe bei Usedom -
Bischofssitz geworden. Das Bistum, das dem Papst direkt
unterstellt war und keine eindeutig festgelegten Grenzen hatte,
reichte im Westen bis nach Güstrow. Die Camminer Bischöfe wurden
vom Papst wie unabhängige Reichsfürsten behandelt. In Cammin
wurde die erste christliche Kirche Pommerns errichtet, nachdem
Otto von Bamberg, der erstmals im Jahre 1124 nach Cammin
gekommen war, seine Missionstätigkeit erfolgreich abgeschlossen
hatte. Baubeginn für das zunächst im spätromanischen Stil
erbaute, im 15.Jahrhundert im gotischen Stil umgebaute
Gotteshaus war 1175 gewesen. Nach einem alten pommerschen
geflügelten Wort waren die drei bedeutendsten Kirchen in Pommern
die Stargarder "Hohe", die Kolberger "Weite" und die Camminer
"Schöne". Der Camminer Dom soll zudem über die schönste Orgel
Pommerns verfügen. Sie stammt aus dem Jahre 1669, ihr Erbauer
war Michel Birgel, Auftraggeber Herzog Ernst Bogislaw von Croy,
dessen Porträt unter der Orgel angebracht ist. Nach ihrer
Rekonstruktion im Jahre 1962, die Orgel war im Krieg beschädigt
worden, besitzt sie wieder 47 Register und 3300 Pfeifen.
Liebhaber von Orgelmusik wissen den ausgezeichneten Klang des
Musikinstruments zu schätzen.
Eine Erfindung, die eher in die Physik eingeordnet werden muss,
zeugt davon, dass Domherren auch naturwissenschaftlich gebildet
waren. Der Dechant des Dom – Kapitels zu Cammin, Ewald Georg v.
Kleist, Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin,
hatte – nachweislich als erster - im Jahre 1745 die elektrische
Verstärkerflasche (später als Leidener Flasche bezeichnet) und
somit den Kondensator erfunden. Bekanntlich ist der Kondensator
heute ein unverzichtbarer Bestandteil elektronischer Geräte.
Vom Dom zum Hafen am Camminer Bodden (Zalew Kamienski)
verlaufen die Straßen etwas abschüssig. Der Hafen wirkt
verwaist. Weder am Landungssteg noch vor dem Speicher können wir
Schiffe entdecken. Die Dievenow wird mit Mühe auf 3 Meter
Wassertiefe gehalten und die Einfahrt in die Dievenow - Mündung
ist recht kompliziert, so dass größere Schiffe Cammin nur
schwerlich oder gar nicht anlaufen können. Insbesondere seit dem
Hafenbau in Swinemünde im 18.Jahrhundert hat der Camminer Hafen
an Bedeutung verloren. Als Flaniermeile wird das Ufer allerdings
ausgiebig genutzt. Die Menschen streben jener Brücke zu, die zur
neun Quadratkilometer großen Insel Gristow (Wyspa
Chrząszczewska) im Camminer Bodden führt. Dort wollen sie in
Wassernähe ein Sonnenbad nehmen oder im recht flachen Wasser
waten. Die Insel mit ihren drei kleinen Bauerndörfern erweist
sich als weitläufig. Vor ihrer Nordküste liegt „der große
Stein“, ein bereits im Jahre 1426 erwähnter Findling. Von diesem
Stein soll der Name der Stadt abgeleitet worden sein. Er hat
heute – obwohl bereits durch Sprengungen verkleinert – immer
noch einen Umfang von 20 Metern und ragt zwei Meter aus dem
Wasser hervor. E.R.